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Presseartikel: Captain Cork 3

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Presseartikel: Captain Cork 3

„Spaziermaat Golenia hat eine neue Serie mit an Bord gebracht. Er berichtet über pfurztrockene Weißweine. Zwar ist jetzt Rotweinzeit aber keiner konnte Golenia von seiner antizyklischen Schreibe abhalten. Weil der Wein ein guter ist.

Worum geht es hier?  Mir geht es um trockene Weine. Um deutsche trockene Weine. Um sehr trockene deutsche Weine, die es leider Gottes viel zu selten gibt. Unter dem Deckmäntelchen „trocken“ versteckt sich heute vieles, was gar nicht trocken schmeckt. Mir ist das alles zu süßelnd.

Ich bin eine Mimose, was Süße im Wein angeht. Ohnehin konsumiere ich nichts süßes. Keine Schokoladen, Marmeladen, Kuchen. Süße Desserts kriege ich runter, habe aber kein Verlangen danach. Mir fehlt einfach der süße Zahn.

Gegen den Kleinkindreflex

Süße, das ist für mich der unterschwellige Kleinkindreflex. Das Verlangen danach, wieder der kleine Junge zu sein, der staunend vor dem Süßigkeitenregal steht und sich die Papiertüte mit Haribos vollstopft. Zurück in Mamas Schoß. Süße bedeutet Geborgenheit. Wärme. Muttermilch. Mamas Titten. Kindheit. Liebe. Süßwein.

Nie vergessen werde ich eine Verkostung. Ist schon Jahre her. Dummerweise wurde dort nur Restsüßes angeboten – alles ab Spätlese aufwärts. Das wusste ich vorher nicht, ich gehe immer reflexhaft zu diesen VDP-Verkostungen, ohne dessen Programme vorher zu lesen. Bei dieser speziellen Verkostung war ich offensichtlich falsch: Es gab nicht einen trockenen Weißwein!

Mein Gaumen war von der ganzen Süße wie vernebelt. Nach dem fünfzehnten Probegläschen konnte ich kaum noch etwas schmecken.

Alles wurde zähflüssig. Die Zunge war wie abgekoppelt. Ich war einfach satt. Und voll von Zucker. Es machte mir keinen Spaß mehr. Allerdings blieb ich dort Einzelgänger.

Vor Ort waren so manche bekannte Rieslingnasen. Einkäufer, Szeneblogger und selbst ernannte Platzhirsche. Ein Gläschen hiervon, ein Gläschen davon. Ich sah in glückliche Gesichter. Es waren Augen, die leuchteten und funkelten vor Freude. Wie wenn sich Ferkel im Schmutz suhlen. „Endlich dürfen wir wieder richtig süß trinken, ohne uns zu schämen!“, schien dort die Mehrheit in die Welt schreien zu wollen.

Ich bin regelmäßig auf irgendwelchen Verkostungen, aber eine merkwürdigere Stimmung habe ich anderswo noch nicht erleben dürfen. Ich sah ein, dass ich auf diesen süßen Verkostungen genauso fehl am Platze bin wie auf den Schickimicki-Modenschauen, wohin Schnöselmaat Küblbeck geht.

Aber ich schweife wieder ab. Es sollte ja um knochentrockene Weine aus Deutschland gehen. Wie die von Karl Schaefer aus Bad Dürkheim. Blöd nur, dass Schaefers Weine an Bord schon oft genug besprochen wurden. Einige Male vom Captain und auch Maat Eschenauer hatte sich bequemt, Jubelzeilen auf Schaefers Riesling zu Papier zu bringen. Was mich nicht daran hindern sollte, mich dort einzureihen, um den Weinen aus Bad Dürkheim zu huldigen. Weil es gerade zum Thema passt.

Alter Trockenklassiker

Das Weingut Karl Schaefer ist der alte Trockenklassiker aus Deutschland. Seit 1843 ist man im Geschäft. Hier ist der Leitspruch „trocken aus Tradition“ eine deutliche Maßgabe. Steinalte Holzfässer und kellereigene Hefestämme sorgen dafür, dass die Moderne draußen vor der Tür bleibt. Sie ist nicht erwünscht und wird erfolgreich in der sechsten Generation vergrault. Wer hier seinen Beruf lernt, weiß wie man das macht.

In meiner Landbude vor dem Kamin habe ich den Riesling„Wachenheimer Gerümpel“ Karl Schaefer im Glas.

Sandstein und gegen die Moderne

Im Laufe des langen Abends habe ich zu Papier gebracht: helles, schwach wässriges Gelb, bissiger und sehr zurückhaltender zitrusartiger Duft, dazu junger Granny-Smith-Apfel, leichte pflanzliche Noten, im Mund lebhaftes Säurespiel, zackiger Biss, klares Gebirgsschmelzwasser.

Dieser Riesling zeigt schonungslos seine lebendige Säure in Kombination mit Knochentrockenheit – eine derbe und offenbarende Mischung. Ich schmecke auch Zitronat, weit hinten dann von Säure und Kargheit getragener mittellanger Abgang. Hier gibt es nichts, was diesem Süß-Säure-Spiel-Gefasel auch nur ansatzweise Berechtigung verschaffen würde. Mitten in die Fresse rein. Knochentrocken. Was für ein Stil.“

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